Donnerstag, 2. Mai 2013

Blog 9 Kolumbien

Hola Hola,
warum habe ich jedes Mal das Gefühl, dass ich erst gestern in den Blog geschrieben habe?!

So, dann bringe ich euch mal wieder auf den neusten Stand. Könnte etwas länger dauern.
Ich erzähle euch mal von dem Viertel, in dem ich wohne. Es ist hier wirklich nicht besonders schön, aber irgendwie fühle ich mich sehr wohl. Ich komme mir manchmal vor wie in einem Film. 
Wenn ich morgens aus der Tür komme, steht auf der anderen Straßenseite der Organensaftmann und winkt mir zu. Direkt neben meiner Tür verkaufen zwei Frauen von 6-7.30 Uhr Kaffee an die Arbeiter, die im Viertel arbeiten und grüßen mich auch ganz freundlich. Es ist also ein Arbeiterviertel mit hauptsächlich Elektrikern und Mechanikern. Nichts gegen diese Berufe aber mir kommt es so vor, als wären die Männer (zumindest hier) die diese Berufe ausüben diejenigen, denen es am meisten Spaß macht jedem weiblichen Wesen (inklusive mir) hinterherzupfeifen oder "Komplimente" nachzugrölen, wenn man vorbeiläuft. Mein Weg zur Arbeit morgens ist also immer sehr unterhaltsam. Manchmal ertrage ich es gut und an anderen Tagen würde ich am liebsten nach jedem Kommentar, das ich höre, stehenbleiben und eine Predigt über Respektlosigkeit und Manieren halten....was sowieso keinen Sinn machen würde. Also lasse ich es! 
Zwei Blocks entfernt gibt es mehrere kleine billige Supermärkte, Metzger, Bäckereien, Apotheke, Elektroläden, Orangerei (ich schätze das Wort gibt es nicht...auf jeden Fall ist es ein Laden, in dem nur Orangen verkauft werden) und Käsereien. Dann habe ich ein Restaurant entdeckt, das einer Frau von der Küste gehört und die kocht sowas von lecker!! Und das Mittagessen kostet umgerechnet nur 2-3 Euro und es gibt Suppe, Getränk und einen riesigen Teller mit allem, was gut schmeckt!
Außerdem gibt es einen riesigen Laden mit Obst und Gemüse, das echt billig ist! Alles gleich um die Ecke.
Und abends verkauft eine Frau auf einem Grill vor ihrer Bäckerei "Arepas". Das sind so Maisteigfladen, die mit Käse gefüllt sind, der dann auf dem Grill schmilzt. Für 40 Cent oder so. Also eigentlich müsste ich mein Viertel nie verlassen, weil es alles gibt, was man braucht!

Aber wenn man abends weggehen möchte, muss man schon den Bus oder ein Taxi nehmen.
Ich habe inzwischen ein paar wirklich schöne Bars und Clubs kennengelernt und es gibt immer Livekonzerte, Filme und Ausstellungen. Letztes Wochenende war ich auf einem Sprachaustausch. Da treffen sich jeden Monat Leute, die mehrere Sprachen sprechen, um sie zu üben oder einfach, um die eigene Sprache zu sprechen. Ich habe mich an den "Deutschland-Tisch" gesetzt, an dem ein Deutscher, ein Kolumbianer und eine Kolumbianerin saßen, die aber alle deutsch sprachen. Das war echt mal ganz entspannend, weil ich abgesehen von meinen Gesprächen auf Skype immer nur spanisch spreche. Englisch spricht hier auch keiner.
Also haben wir uns den ganzen Abend auf deutsch unterhalten. Mit den zwei Kolumbianern habe ich mich super gut verstanden und wir sind  dann später noch auf ein Konzert gefahren. Solche Aktionen sind gut, um neue Leute und die Stadt kennenzulernen.
Über meine Mitbewohner habe ich aber auch schon ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich mich gut verstehe. Da Jorge (der Kolumbianer) und Marco (der Italiener) beide in Bands spielen, tauchen hier ständig irgendwelche Musiker auf und so lernt man sich kennen. Außerdem gefällt mir die Musik.
Letzten Freitag hatte Marco Geburtstag und wir haben eine Überraschungsparty organisiert. Alle Freunde brachten ihre Instrumente mit und es gab ein Konzert bei uns zu Hause. War schön!
Gott sei Dank kam am nächsten Tag die Putzfrau.
Wenn  ich frei habe, versuche ich immer irgendetwas zu unternehmen und die Gegend ein bisschen kennenzulernen. Gestern, am 1. Mai hatte ich praktischerweise frei und die belgische Praktikantin (Lise) und ich sind nach Guatavita gefahren. Das ist eine Ministadt, ungefähr 2 Stunden von Bogotá entfernt, die an einem wunderschönen See liegt und alle Häuserwände sind weiß getüncht.Aber nicht nur deswegen ist Guatavita etwas Besonderes, sondern wegen der saaaaaaaagenumwobenen Lagune, auch El Dorado genannt. Habt ihr bestimmt schonmal gehört. Aber ich wette, dass keiner wusste, dass das El Dorado bei mir um die Ecke ist! Hah!

Und ich wette, dass noch keiner von euch in einem "Non Plus Ultra Bus" gefahren ist hehe




Die zwei mit ihren Hüten sahen so schön  aus.
Hier schnell die Legende, damit ihr wisst, worum es geht: "Jeder neue Herrscher der Muisca (eines indigenen Volkes) brachte bei seinem Amtsantritt ein Opfer für den Sonnengott im Bergsee von Guatavita in der Nähe des heutigen Bogotá dar. Nachts wurden Freudenfeuer entzündet, und der nackte Körper des Fürsten wurde mit einer Paste aus Goldstaub überzogen. Zusammen mit vier Adligen fuhr der Fürst auf einem Floß zur Mitte des Sees. Das Floß war mit vielen verschiedenen Goldgegenständen und Edelsteinen beladen. Die Gefährten opferten diese Gegenstände, indem sie diese ins Wasser warfen. Danach sprang der König in den See, und der Goldstaub auf seinem Körper sank, zusammen mit den Smaragden und Gold, welches die mitgefahrenen Adligen als Opfer in den See warfen, auf den Grund." 
So war das nämlich! Wieder was gelernt!
Eine meiner Mitarbeiterinnen, die sehr spirituell ist und sich stark mit der indigenen Kultur identifziert, hatte mir vorher gesagt, ich soll dem Wasser in der Lagune zuhoeren, denn es würde sprechen.
Aber ich muss ehrlich sagen, dass es mir etwas schwerfiel, weil wir nämlich in einer geführten Gruppe unterwegs waren, in der schreiende Kinder und sehr redselige Menschen jegliche Spiritualität vor Ort im Keim erstickten! Aber ich kann mir vorstellen, dass die Stimmung schon besonders sein kann, wenn man tatsächlich ganz alleine dort ist. Da es zwischendurch immer wieder regnete, tauchte plötzlich ein Regenbogen auf (ein ganzer!!) und so hatte ich doch noch meinen "magischen" Moment ;) Die Aussicht war auch echt schön, weil die Lagune in einem Krater von einem Berg liegt, den wir erstmal hochkraxeln mussten.

 


Regenbogen

Auf dem Rückweg vom El Dorado im ältesten Bus der Welt, musste noch schnell ein Baum von der Straße gesägt werden, der uns den Weg versperrte. 
Zurück in der Ministadt haben wir noch die Souvenirläden angeschaut und anschließend in einer sehr typischen  Kneipe auf der Terasse wirklich lecker gegessen.  Ich habe nochmal eine Nahaufnahme von der traditionellen Suppe "Ajiaco" gemacht...so etwas wie Kartoffelsuppe. Da schwimmt Huhn drin rum.
Da ich diese Hühnerhaut nicht essen wollte und praktischerweise gerade ein Straßenhund auf der Terasse herumlief,  fragte ich den Besitzer von der Kneipe, ob ich den Hund damit füttern darf. Ich glaube er fand es etwas komisch, dass ich überhaupt frage und meinte, dass ich ihm gleich das komplette Gerippe vom Huhn hinschmeißen soll. Fand ich lustig, weil ich mir vorgestellt habe, wie ich in Deutschland in einem Restaurant sitze, mit den Fingern in der Suppe rumfische, Knochen zerteile und einem riesigen stinkenden Köter, der neben meinem Tisch sitzt in den Rachen werfe. Zumal in Deutschland ja gleich alle Hundebesitzer bei dem Wort "Hühnerknochen" aufschreien, weil das ja lebensgefährlich sein könnte.....oder so :)
Naja, er hat es jedenfalls überlebt und wir waren den Rest des Tages die besten Freunde.


 Es war ein perfekter Tag und ich habe seit langem mal wieder NICHTS gehört. Als wir nämlich ankamen und aus dem Bus gestiegen sind, kamen wir uns beide vor, als wären wir taub, weil einfach die absolute Ruhe herrschte. Das kann man sich vielleicht nicht vorstellen, aber hier in Bogotá ist IMMER irgendein Hintergrundgeräusch zu hören. Auch nachts! Jetzt zum Beispiel ist es hier 12 Uhr nachts und ich höre aus ungefähr 3 verschiedenen Nachbarhäusern Musik und ab und zu einen Lkw, der vorbeifährt. Über die Geräusche (oder auch Lärm!) am Tag könnte ich wohl eine Seite schreiben. Das, was man am meisten hört ist natürlich der Verkehr, schlechte Musik, Alarmanlagen und Flugzeuge.
In Guatavita hörte man tatsächlich NICHTS. Das war echt mal entspannend aber irgendwie auch unheimlich.
So, dann war ich noch im Theater, das ich entdeckt habe. Das ist 2 Minuten von meinem Haus entfernt und total schön. Ein altes Haus, klein und das gibt es schon seit 30 Jahren. Das Stück, was ich mir angeschaut habe handelte von den Personen, die immer wieder verschwinden, weil sie von irgendeiner der bewaffneten Gruppen entführt werden und von den hinterbliebenen Angehörigen, die mit der Situation leben müssen und nicht wissen, was mit ihren (meistens Söhnen) passiert ist, ob sie noch leben oder nicht, ob sie irgendwann wieder auftauchen oder eben nicht. Das Stück war wirklich bewegend und währenddessen habe ich ein paar Leute weinen gehört. Ich glaube, es sind hier wirklich mehr Leute betroffen, als man denkt. Ich habe auch ein Mädchen kennengelernt, deren Vater vor ein paar Jahren entführt wurde. Der war wohl in irgendeinem Vorstand, wurde entführt und nach ein paar Wochen gegen Geld wieder freigelassen. So finanzieren sich viele der bewaffneten Gruppen (neben den Geschäften mit Drogen). Jetzt ist er in psychologischer Behandlung.
Was für ein Horror!
Naja, jedenfalls habe ich den Direktor vom Theater kennengelernt und sofort die Tatsache ausgenutzt, dass er Deutschlandfan ist. Er hilft mir jetzt mit Informationen zu meinem Theaterprojekt aus. 
Die Projekte laufen gut! Ich habe letzte Woche eine sehr gute Rückmeldung bekommen, was mich wirklich gefreut hat, weil ich ja jetzt schon wochenlang daran arbeite. Ich arbeite sehr selbstständig, was gut ist, weil ich mir meine Zeiten selber einteilen kann und mir keiner auf die Finger schaut.
Es ist also alles wunderbar. Ich kann mich über nichts beschweren und freue mich des Lebens :)
Ihr euch hoffentlich auch.


Kolumbien: Das Land der leckersten Nachtische der Welt!


Keine Kommentare: